
Vor ungefähr eineinhalb Jahren habe ich bei Aldi ein DIY-Nähset gekauft. Ich fand den abgebildeten Kosmetikbeutel sehr schön und dachte es wäre ein schöner Zeitvertreib für einen Samstagnachmittag.
Das Set verschwand irgendwo im Schrank, zog vor einem Jahr mit mir um und führte im Schrank erst einmal ein ziemlich unbeachtetes Dasein.
Bis vor ein paar Wochen.
Es war ein Samstagnachmittag, ich hatte Zeit und entdeckte dieses Nähset wieder. Also dachte ich mir: Komm, probierst du es einfach mal aus.
In dem Set war alles für einen kleinen Kosmetikbeutel enthalten – und den habe ich dann tatsächlich genäht.
Von Hand.
Ich hatte keine Nähmaschine, nicht wirklich Ahnung vom Nähen und ganz sicher keinen Plan, dass dieser kleine Kosmetikbeutel der Anfang von irgendetwas werden würde.
Aber das Nähen bereitete mir große Freude und ich fand das Endprodukt gar nicht mal so schlecht – da war ich angesteckt.
Ich hatte aus ein paar einzelnen Stoffstücken mit meinen eigenen Händen etwas gemacht, das vorher nicht da gewesen war. Etwas, das tatsächlich aussah wie ein Kosmetikbeutel. Und das man sogar benutzen konnte.


Ich war schon ein bisschen stolz auf die kleine Tasche – und vor allem dachte ich sofort: Ich will noch mal.
Ein paar Tage später bestellte ich Stoff
Das eskalierte also erwartungsgemäß schnell.
Nur wenige Tage später saß ich vor meinem ersten kleinen Stoffeinkauf.

Plötzlich beschäftigte ich mich mit Stoffarten, Farben und Mustern und entdeckte eine vollkommen neue Kategorie von Dingen, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich dringend eine Meinung dazu brauche.
Ich nähte weiter – zunächst immer noch von Hand.
Es entstanden kleine Projekte, zunächst Nadelkissen, Scrunchies und Täschchen. Ich probierte unterschiedliche Stoffe aus und lernte die ersten grundlegenden Stiche. Und mit jedem fertigen Teil wurde die Lust größer, herauszufinden, was noch möglich ist.





Das Schöne daran war: Ich konnte den Fortschritt tatsächlich sehen.
Aus einem Stück Stoff wurde etwas.
Nicht digital. Nicht irgendwann. Sondern direkt vor mir auf dem Tisch.
Dann zog eine Nähmaschine ein

Nach den ersten handgenähten Projekten kam ziemlich schnell der Gedanke auf, dass eine Nähmaschine vielleicht keine ganz schlechte Idee wäre.
Wobei „Gedanke“ möglicherweise etwas untertrieben ist 😀
Ich hatte eine neue Leidenschaft entdeckt. Also zog meine W6 bei mir ein.
Und damit begann die nächste Lernkurve.
Unterfaden aufspulen. Spule einsetzen. Oberfaden einfädeln. Unterfaden hochholen. Verstehen, was eine Nahtzugabe ist. Herausfinden, warum der Stoff gerade nicht das macht, was ich möchte.
Am Anfang fühlt sich eine Nähmaschine ein bisschen an wie ein Gerät mit ungefähr 300 Möglichkeiten, etwas falsch zu machen.
Und dann sitzt man plötzlich davor und fädelt sie ein, ohne groß darüber nachzudenken.
Das finde ich gerade sowieso faszinierend: Wie schnell Dinge selbstverständlich werden, die ein paar Tage vorher noch völlig fremd waren.
Von einem Aldi-Nähset zu „Okay, ich nähe jetzt offenbar Taschen“
Mit der Maschine wurden auch meine Projekte mutiger.
Ich habe angefangen, Kosmetiktaschen mit Reißverschluss und Futter zu nähen, unterschiedliche Stoffe miteinander zu kombinieren und mit Details zu spielen.

Und spätestens da hat mich nicht mehr nur das Nähen selbst begeistert.
Sondern auch alles drumherum.
Welcher Stoff passt zu welchem? Welche Farbe soll der Reißverschluss haben? Braucht es einen Kontraststoff? Eine Rüsche? Eine Quaste? Und wenn eine Quaste – welche?
Fragen, von denen ich vor Kurzem noch nicht wusste, dass ich sie jemals mit solcher Ernsthaftigkeit diskutieren würde.
Dabei merke ich langsam, dass sich ein Stil entwickelt, den ich selbst richtig gerne mag: botanische und verspielte Muster, kräftige Farben, strukturierte Kontraststoffe und hier und da ein kleines Detail, das vielleicht nicht unbedingt nötig wäre – aber die Sache eben besonders macht.
Ein bisschen wild. Ein bisschen verspielt.
Eigentlich ziemlich passend für Atelier Wild.


Und natürlich geht auch mal etwas schief
Was man auf schönen Fotos von fertigen Projekten gerne vergisst:
Nähen besteht zu einem nicht unerheblichen Teil daraus, Dinge wieder aufzutrennen, die man gerade mit großer Überzeugung zusammengenäht hat.
Mein erster Shopper war dafür das perfekte Beispiel.
Ich hatte Außenstoff und Futter, einen wunderschönen Vogelstoff und taupefarbene Henkel – und am Ende eine obere Kante, mit der ich überhaupt nicht zufrieden war.
Ich hätte sie so lassen können.
Konnte ich natürlich nicht.
Also habe ich die Henkel wieder abgetrennt, die Kante neu gearbeitet, alles noch einmal sauber abgesteppt und anschließend die Henkel wieder angenäht.
Aber genau dabei habe ich wahrscheinlich mehr gelernt als bei einem Projekt, das auf Anhieb funktioniert hätte.



Denn beim zweiten Shopper wusste ich plötzlich, was ich anders machen wollte.
Diesmal habe ich Außenstoff und Futter so miteinander verstürzt, dass die offenen Kanten komplett zwischen den Stofflagen verschwinden. Dazu kam ein abgenähter Boden, damit die Tasche richtig Volumen bekommt.
Und als ich das Ganze durch die kleine Öffnung im Futter gewendet habe und da tatsächlich eine richtige, sauber gefütterte Tasche vor mir lag, war meine Reaktion ungefähr:
Wie geil ist das denn?!

Was ich am Nähen gerade so liebe
Vielleicht ist es genau diese Mischung, die mir so viel Spaß macht.
Nähen ist kreativ, aber gleichzeitig unglaublich praktisch.
Ich kann mich bei Stoffen, Farben und Details komplett austoben – muss aber gleichzeitig überlegen, wie etwas konstruiert sein muss, damit es am Ende auch funktioniert.
Ich lerne ständig etwas Neues.
Und ich sehe meinen Fortschritt.
Der erste von Hand genähte Kosmetikbeutel. Der erste Reißverschluss. Das erste gefütterte Täschchen mit der Maschine. Der erste Shopper. Der zweite Shopper, bei dem ich plötzlich verstanden habe, wie ich die Verarbeitung viel sauberer hinbekomme.
Natürlich sind meine Sachen nicht perfekt.
Das sollen sie gerade auch gar nicht sein.
Ich lerne.
Und ich merke, dass ich inzwischen nicht mehr sofort denke: Mist, das kann ich nicht.
Sondern eher:
Okay. Wie kriege ich das hin?
Das gefällt mir ziemlich gut.
Jetzt brauche ich wohl mehr Stoff
Das DIY-Nähset von Aldi lag ungefähr ein Jahr unbeachtet bei mir herum.
Und jetzt?
Jetzt steht hier eine Nähmaschine. Daneben liegen Garnrollen, Reißverschlüsse, Gurtband und Stoffreste. Es gibt eine kleine Sammlung selbstgenähter Täschchen und Scrunchies, inzwischen sogar die ersten Shopper – und meine Stoffvorräte werden verdächtig schnell kleiner.
Und das alles nur, weil ich an einem Samstagnachmittag zufällig dieses Nähset wieder in die Hände bekommen und gedacht habe:
Komm, probierst du es einfach mal aus.
Ich habe keine Ahnung, wohin mich diese neue Leidenschaft noch führt.
Aber gerade fühlt es sich ziemlich gut an, es herauszufinden.
Und jetzt entschuldigt mich bitte.
Ich brauche Stoff.


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